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Zwischen Nationalklassiker und Pokalturnier

Für Erstliga-Schiedsrichter-Assistent Ilan Dutler ist das Rebsteiner Pokalturnier ein «Heimkommen».

Ilan Dutlers Passion ist das Leiten von Fussballspielen. Als Schiedsrichter-Assistent für den FC Montlingen begleitet er Spiele der Ersten Liga und vereinzelt solche der Women’s Super League. Während drei Jahren arbeitete er bei Tegra Medical, einem Unternehmen der SFS Group, in Costa Rica. «Eigentlich wollte ich mich dabei auf die Arbeit fokussieren», schmunzelt er. Doch nach acht Monaten spürte er, dass er den Fussball vermisste: «Ich hatte das grosse Glück, dass ich mit dem Schwager der Fifa-Schiedsrichterin Marianela Araya, die an der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2023 in Australien/Neuseeland im Einsatz stand, zusammenarbeitete.»

 

Ein Spiel vor 18000 Zuschauern assistiert

Über sie konnte Ilan Dutler den Kontakt zum costaricanischen Fussballverband herstellen. Nach drei Sichtungsspielen in der dritthöchsten Liga wurde er ins nationale Kader aufgenommen und konnte Spiele bis zur U21 und als Schiedsrichter-Assistent der zweitobersten und obersten Liga begleiten. Der Linienrichter stand bei einem Viertelfinal- Rückspiel zwischen zwei Vereinen der höchsten Liga an der Seitenlinie, flog mit dem Flugzeug an Fussballspiele und stand in einem Finalspiel der Frauen in der höchsten Liga vor rund 8000 Zuschauerinnen und Zuschauern im Einsatz. Absolutes Highlight war ein Benefiz-Spiel. Dabei standen sich Deportivo Saprissa aus San José und Liga Deportiva Alajuelense aus Alajuela beim Nationalklassiker von Costa Rica vor rund 18000 Zuschauern im Nationalstadion Estadio Nacional in San José gegenüber. «Dass dabei für krebskranke Kinder gespielt wurde, machte die Ambiance nochmals spezieller», erinnert sich Dutler.

 

Fitnesstrainer aus Costa Rica

Im September letzten Jahres kehrte Ilan Dutler, der in Eichberg aufgewachsen ist und heute in Widnau lebt, ins Rheintal zurück. Er freute sich auf seine Freunde und seine Familie mit seinen achtjährigen Brüdern. In Mittelamerika zurück liess er neue Freunde und Schiedsrichterkollegen, mit denen er weiterhin in Kontakt steht und mit denen er sich über deren Erfolge freut. In Costa Rica konnte er sich beruflich, als Mensch und auch als Schiedsrichter weiterentwickeln. Noch immer stellt ihm ein Fitnesstrainer aus Costa Rica seine Trainingspläne zusammen.

In Mittelamerika musste er neben den Spielen im Minimum 24 Trainingseinheiten pro Monat trainieren. Eine Ernährungsberaterin stellte Ernährungspläne zusammen, die Werte der Schiedsrichter wurden monatlich analysiert. Wer nicht fit genug war, kam nicht zum Einsatz. Durch die hohe Belastung gehörte zudem Physiotherapie zu seinem Programm: «Ich habe gesehen, was es benötigt, um im professionellen Fussball dabei zu sein», so der 28-Jährige.

 

Der Einsatz ist viel länger als 90 Minuten

Vor allem hat er gelernt, spezifischer zu trainieren. Neben Ausdauer gehört der Fokus der Bein- und Schnellkraft. Auch die kognitiven Fähigkeiten stärkt er heute vermehrt: «So das Bewegen in die eine und das Schauen in die andere Richtung oder das Zusammenspiel der Hände.» Auch eine auf sich persönlich abgestimmte Regeneration oder die kritische Analyse des eigenen Spiels erachtet er als immer wichtiger. Für die in der Schweiz zweimal im Jahr durchgeführten Konditionstests bereitet er sich in der Gruppe mit anderen Rheintaler Schiedsrichtern vor. Ansonsten trainiert der Projektleiter und Wirtschaftsinformatik-Student allein. Am Tag vor einem Spiel aktiviert er seinen Körper, macht Sprinttraining. Am Spieltag ist ein leichtes Footing angesagt. Gibt es Schlüsselspieler in der Mannschaft? Stagniert das Team oder ist es in einem Aufwärtstrend? Gibt es bei der Anreise zum Spiel etwas zu beachten? Dies sind unter anderem Fragen, die er sich im Vorfeld eines Spiels stellt. Schliesslich trifft er sich vor der Partie mit dem Schiedsrichter und dem zweiten Assistenten. «Je besser ich vorbereitet bin, desto weniger überrascht werde ich sein», ist er überzeugt.

 

Seine Erfahrungen weitergeben

Nach seiner Rückkehr aus Costa Rica konnte der Schiedsrichter in der Schweiz dort wieder einsteigen, wo er vor seinem Auslandaufenthalt im Einsatz war: in der Ersten Liga. Zudem ist er Kursleiter in der Grundausbildung der neuen Schiedsrichter des Ostschweizer Fussballverbandes. Denn ihm ist es sehr wichtig, nicht nur seine eigene Karriere voranzutreiben, sondern seine Erfahrungen auch an die jungen Schiedsrichter weitergeben und dem Verband etwas zurückgeben zu können: «Ohne Schiedsrichter gibt es keine Fussballspiele, und ohne Schiedsrichterbetreuer und Coaches keine neuen Schiedsrichter.»

 

Bereits mit 15 im Erwachsenenfussball tätig

Ilan Dutler war 14 Jahre alt, spielte bei den A-Junioren des FC Montlingen und war öfters verletzt, als er sich entschloss, Schiedsrichter und vier Jahre später Assistent zu werden, um Teil des Fussballs zu bleiben. Mit 15 Jahren gestartet, leitete er bereits ein Jahr später 5.-Liga-Spiele. 2016 assistierte er den Ostschweizer Cupfinal, leitete, gecoacht vom Schweizer Spitzenschiedsrichter Sandro Schärer, den Schweizer U15-Cupfinal. Beim derzeit erfolgreichsten Schweizer Schiedsrichter durchlief er auch die Referee Academy.

«Für mich war und ist die Tätigkeit als Schiedsrichter eine Lebensschule», erzählt Ilan Dutler. «Als Schiedsrichter muss man blitzschnell kleinere und grössere Entscheidungen treffen, sich über eine längere Zeit konzentrieren können und sich dabei körperlich betätigen. Dies hilft mir auch in meinem Beruf als Projektleiter, wo es viele schöne Situationen, aber auch Entscheidungen zu fällen gibt, die nicht immer einfach sind.» Besonders geprägt haben ihn darüber hinaus Freundschaften, die er schliessen konnte: «Meinen besten Kollegen habe ich vor 15 Jahren im Grundkurs kennengelernt, mit vielen anderen stehe ich noch in Kontakt. Dass es solche gibt, die heute Challenge League-Spiele leiten, macht mich stolz.»

 

Pokalturnier – ein bisschen wie Heimkommen

Am 16., 18. und 19. Juli wird Ilan Dutler am Pokalturnier in Rebstein an der Seitenlinie stehen. Regeländerungen werden jährlich immer ab dem 1. Juli aktiv. Demzufolge ist das Pokalturnier der perfekte Anlass, um genau diese zu üben und zu verinnerlichen. Dieses Jahr betrifft die wichtigste Regeländerung die Tatsache, dass ein Torhüter, der den Ball länger als acht Sekunden in den Händen hält, mit einem Eckball bestraft wird.

Da Ilan Dutler für seine Spiele meist in die Zentralschweiz, ins Tessin oder in die Westschweiz reist, sieht er die Fussballer und Schiedsrichterkollegen aus der Region kaum mehr: «Deshalb ist das Pokalturnier auch ein bisschen wie ein Heimkommen, auf das ich mich sehr freue.»

 

Text: Andrea Kobler